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August Kowalczyk

August Kowalczyk
Auschwitz Häftling Nr. 6804

Ein Europa für die Menschen und durch die Menschen

4. April 2009, Kerkrade

Bevor ich diese Rednerbühne betrat, habe ich nach diesem einen Wort gesucht, das alles, was ich in diesem Moment fühle, ausdrückt und mit dem ich diese persönliche Reflektion beginnen könnte.

Das Wort „Danke“ an die Organisatoren unseres Seminars drückt es nicht ganz aus, obwohl ich eine herzliche, echte Dankbarkeit für dieses Treffen und meinen Platz hier unter Euch fühle.  

Ich habe weiter gesucht und nichts gefunden, und ich finde kein besseres Wort, mit dem ich uns alle ansprechen könnte. Entschuldigen Sie die Vertraulichkeit dieses zutreffenden Wortes – es heißt „Freunde“.

Also, ich habe viele von Euch schon kennen gelernt, einige von Euch haben mir und meiner Frau Eugenie ihre Freundschaft geschenkt, mit einigen haben wir unsere Freundschaft vertieft und heute erweitert sich dieser Kreis gegenseitiger Freundschaft. 

Es ist Zeit, sich denjenigen unter Euch vorzustellen, mit denen ich heute zum ersten Mal unter der Fahne „Ein Europa für die Menschen und von den Menschen“ stehe. Und das geschieht nach meiner tiefen Überzeugung dank des unermüdlichen Einsatzes in der Person von Dr. Matthias Rath.

Ich heiße August Kowalczyk, bin 88 Jahre alt, Schauspieler, Regisseur, der sich die reale Welt, in der ich heute lebe, aus dem aufbaute, mit dem mich das Leben beschenkte – einschließlich dem Schlimmsten, dem Horror, und dem Lähmenden.

Schon an der Stufe zur Reife, als 18-jähriger Gymnasialschüler während des Zweiten Weltkrieges, wurde ich wegen der Überschreitung der polnisch-slowakischen Grenze und dem Versuch nach Frankreich zur polnischen Armee zu kommen, festgenommen. Am 4. Dezember 1940 wurde ich ins KZ Auschwitz deportiert. Meine Lagernummer war 6804.

Nach 18 Monaten – nachdem ich zweimal zum Tode und zweimal zu Prügelstrafe (je 25 Schläge) verurteilt worden war – floh ich in einem Aufstand der Strafkompanie in einer Massenflucht. Neun sind entkommen – ich war unter ihnen – dreizehn sind gefallen, zwanzig wurden gefangen.

Dank den Einwohnern des schlesischen Dorfs Bojszowy wurde ich gerettet. Ich versteckte mich bei ihnen sieben Wochen lang. Dann wurde ich ins Generalgouvernement geschleust und wurde Soldat der Polnischen Heimatarmee.

Nach dem Krieg machte ich Abitur, absolvierte mein Studium und wurde Schauspieler und Regisseur. 17 Jahre lang war ich der künstlerische Leiter mehrerer Theater und die letzten 28 Jahre war ich im Ruhestand.

Ich habe also überlebt! Ich bin gerettet!

Warum?
Oder –
Warum ich?
Oder –
Warum ausgerechnet ich?

Diese drei „Warum” sind eine Frage. Die erwartete Antwort wird durch das Hinzufügen eines einzigen Wortes immer neu verstärkt. Diese Antwort musste ich mir selbst sofort nach meiner „zweiten Geburt“ geben, also nach der Revolte der Strafkompanie im deutschen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die mit einer Massenflucht endete.

Am 10. Juni 1942!

Über 50 Häftlinge flohen, davon sind 13 gefallen, 20 wurden gefangen, 9 sind entkommen.

Das sind meine Frage und meine Antwort.

Nein! Nicht sofort!

Es schien doch, dass dies eine Antwort auf die Frage sein würde: Wie kann man nach den Erfahrungen von Auschwitz weiterleben?

Die andere Frage wurde bereits von allen gestellt, die wissen wollten, wie es möglich war, dass ein Mensch … einem anderen Menschen ... ja … was ...?

Dass was? ... Dass ein Kapo der Strafkompanie „Krankenmann“, ein Deutscher, ein Häftling, einer der unter den Gefangenen durch das Symbol des „grünen Winkels“ als Krimineller gekennzeichnet war, in 5 Minuten – bevor das Kommando vom Block 13 zum Arbeitsplatz kam, einem Steinbruch in der Nähe des Tors, das die Aufschrift „Arbeit macht frei” trug, Entfernung 150 Meter – indem er sie über seine fette Hüfte legte, Gewicht 150 kg, zugleich einen tödlichen Druck ausübte, die Wirbelsäulen von drei Häftlingen brechen konnte… dass er den Kapo auf eine sehr unvollkommene Weise nachahmte – Vorarbeiter, ein Pole?

Dass das Schnellgericht der Gestapo in Kattowitz die Parodie eines Gerichts war, dass die standrechtliche Erschießung, die Vollstreckung eines Urteils durch Erschießen auf dem Hof des Blocks 11, jedoch kein Schwank mehr war … Blutströme flossen unter den gefallenen Leichen hervor ... dass Rudolf Höss, der ehemalige KZ-Kommandant Auschwitz-Birkenau, der sich schon seit längerer Zeit in Berlin aufhielt, im Frühjahr 1944 wieder nach Auschwitz gerufen wurde. Sonderaufgabe: die Liquidierung von 450 000 ungarischen Juden in den Gaskammern.

Rudolf Höss, ein Fachmann auf diesem Gebiet, erledigte seine Arbeit bis Herbst 1944 erfolgreich, im vollen Bewusstsein der Bedeutung der „Endlösung des jüdischen Problems“. Erledigt! Ein Fachmann!!!

Wie war es möglich, dass ...?

Aber ich habe das alles angekündigt. Lest „Mein Kampf”, so sprach der Führer!

Er sagte dies und wurde Kanzler nach dem Willen der Wähler. 

Er sagte dies … kündigte es an, doch die Praxis, das Leben wurden zu etwas, was ein normaler Geist nicht imstande ist zu begreifen … damals nicht und heute nicht. 

Die Frage, wie es möglich ist, dass ein Mensch ...? Die Frage ist komisch naiv, da eben der Mensch in all diesen Berechnungen und Auswertungen eliminiert wurde wie in Wannsee, wo 11 Millionen europäische Juden zu einer Zahl reduziert wurden … einer statistische Nummer für die „Endlösung“.

Der ganze Rest, also die einzelnen Fakten und deren Umsetzung, wurden sorgfältig vorbereitet. Und nur die Zyklon-B-Körner schienen unschuldig zu sein …  wenn sie jedoch in den von Menschen entworfenen und erbauten Gaskammern in Kontakt mit einem Menschen kamen, hatten sie sich in den erstickenden Tod verwandelt … und die ununterbrochen rauchenden Krematorien verbreiteten den Duft von Menschen, die es nicht mehr gab.

Eine Handvoll Asche blieb von Tausenden Menschen in den Transporten übrig, die das Lagertor immer nur in einer Richtung durchschritten … danach gab es nur die Kamine.

Unmöglich … doch ich sah es, versunken im Rhythmus meines verängstigten Herzens. 

Unglaublich … doch die Worte Auschwitz, Birkenau, Monowitz, Firmenaufschriften an den Türen von Krematoriums-Öfen, sind nicht bloß Worte, sie sind das „Ritual“ des nationalsozialistischen Gewissens, seines Denkens und der deutschen Sprache. 

Unmenschlich … sie waren doch umgeben von den sie liebenden Müttern und Familien. Alle hatten sie besonders warme Gefühle für Tiere, besonders Hunde.

Unaussprechlich … doch Tausenden, Millionen Worten haben diese Zeit und diesen Ort beschrieben:

Auschwitz.

 
Am 14. Juni 2003, am 63. Jahrestag des ersten Transports von Menschen aus Polen nach Auschwitz, mit den Lagernummern von 31 bis 728, hörte ich in der holländischen Stadt Den Haag einfache, aber gerade wegen ihrer Einfachheit und historischen Genauigkeit sehr überzeugende Worte.

Sie wurden von Dr. Matthias Rath, dem Vorsitzenden der Dr. Rath Stiftung ausgesprochen.

Das war ein Treffen von Menschen, die fast aus der ganzen Welt gekommen waren, um die Aussagen Dr. Raths zu unterstreichen.  

Dieses Treffen endete mit einem Appell an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Dieser Appell beinhaltete wie jeder Appell Forderungen, aber er vermittelte auch Erkenntnisse.

Und damals erschien es mir, als würde irgendwie der Vorhang geöffnet, vielleicht nicht ganz, aber doch einen Spalt weit. Dieser Vorhang verbarg die historische Wahrheit über Geld, Kartelle, Pharmaindustrie – über IG Farben, meinen Schuldner. 

Bis heute habe ich nichts von der mir zustehenden Vergütung für die von mir zwischen April 1941 und Mai 1942 verrichtete Sklavenarbeit auf der Baustelle der IG Farben Auschwitz erhalten.

Strukturen, die fast immer im Gegensatz zur Freiheit stehen, standen auch diesmal auf Seiten der Henker und nicht der Opfer. Einem Sklaven steht nichts zu. Der Arbeitsvertrag wurde mit der SS unterzeichnet, von der die Arbeitskräfte geliefert wurden. Im Oktober 1942 entstand schließlich das IG Farben eigene Konzentrationslager Monowitz (Auschwitz III).

Unter den Appell an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag leistete ich meine Unterschrift: August Kowalczyk, ehemaliger Häftling des KZ Auschwitz-Birkenau, Lagernummer 6804.

Seit dieser Zeit haben uns unsere gemeinsamen Handlungen zum Programm „Ein Europa für die Menschen und von den Menschen” und zum Engagement der Dr. Rath Stiftung in unserer Hospiz-Stiftung „Denkmal der Stadt Auschwitz” geführt, das an all diejenigen erinnert, die in den Jahren 1940-1945 Hilfe leisteten und das Leben der Häftlinge des deutschen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau retteten.

Die Dr. Rath Stiftung steht an der Spitze der Unterstützer für den Bau des Hospiz-Denkmals Auschwitz zusammen mit den Regierungen von Italien, Japan und der Schweiz.

Dass die Dr. Rath Stiftung sich an dieser europäischen Gruppe beteiligt, schließt die Lücke, die bisher das unerklärliche Fehlen von Berlin auf der Bank der Spender geschaffen hat.

So schön war für mich die Idee, eine „Achse des Guten“ zu schaffen, BERLIN – ROM – TOKIO, die sich unter anderen Umständen auf faszinierende Weise hätte erfüllen können. Alle drei Architekten der historischen Achse damals, die Verantwortlichen des langen Zweiten Weltkriegs, hätten sich in Auschwitz wieder getroffen, diesmal als würdige Architekten des „Guten“.

Vielleicht findet diese Idee doch noch die Unterstützung der deutschen Entscheidungsträger bevor das Gebäude vollendet ist. Als ich im August 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet wurde, schien mir dies möglich zu sein; es schein so nahe, dass man nur die Hand hätte ausstrecken müssen.

Trotzt allem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Gründung des Hospiz-Denkmals ohne Berlin stattfinden kann. Das wäre ein unbegreifliches Fehlen. Und der Augenblick der Fertigstellung – Januar 2010 – ist nicht weit entfernt. Und dann wird es schwer zu erklären sein, warum auf der Bank der ehrenamtlichen Erbauer keine Deutschen sitzen.

Meine Antwort heute ist folgende: die Wahrheit, die Wirklichkeit, das Verständnis, aber vor allem das Wissen, das Vertrauen und die Freundschaft suchen einander.

Aus persönlichen Erlebnissen, sogar aus so subjektiven wie meinen, kann ich ein Spiegelbild von Dr. Raths Idee schaffen, ein „Europa für die Menschen, von den Menschen”.

Wir – die Nummern aus deutschen Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslagern – haben immer daran geglaubt, dass das Gesicht Europas von Menschen geändert werden kann. Die Erneuerung sollte jedoch am Tiefpunkt der Menschlichkeit beginnen, an jenem Ort, wo wir glücklicherweise die Niederlage des Nationalsozialismus erlebt hatten. Weil dies der Ort der Wahrheit war, ist und sein wird, einer Wahrheit über die Gebäude des Todes und des Geldes, geschaffen von uns, den Sklaven, die tödlichen Experimenten ausgesetzt waren, nicht nur von Seiten der SS-Übermenschen, sondern auch von den menschlichen Maschinen der Macht und des Geldes der IG Farben Auschwitz.

Dort war die Wahrheit.

Wir sind die Zeugen. Die Opfer, die überlebt haben, auch das sind wir. Die Erinnerung an die Ermordeten – auch das sind wir! Und die Erinnerung unserer Erfahrung ist Allgemeinbildung, die sich auf die jungen Menschen Europas erstreckt.

Das Leben von fast Neunzigjährigen, das geprägt wurde durch den Nazi-Terror und danach weitere Jahrzehnte durch das Weltbild Stalins, hat eine bleibende Erfahrung unserer Abhängigkeit von Strukturen geschaffen. Sie stellten und stellen bis heute Verbotsschilder auf, allesamt unter dem „Segen des Gesetzes“. Doch all dies sind illegale Konstruktionen, die die entscheidenden Erfahrungen jener „Nummern“ ignorieren, die durch die Brandeisen der Nazis in Herz und Geist all jener Nationen eingebrannt wurden, die damals die Sklaven des Dritten Reichs waren – und deren Schicksal dies offenbar bis heute ist. 

Die Zeit unserer Generation vergeht, wir haben keine Handhabe mehr, um aus uns – den ewigen Kunden Europas – eine erfüllte Generation machen zu können. Die Welt verschließt sich in wachsendem Maße unserem Zeugnis von Hunger und Krankheit, von Sklaverei und Vernichtungsarbeit, von Völkermord, Krieg und Hass, von den Verbrechen der Nazis. Dennoch werden wir für immer die Zeitzeugen und die „Wächter der Erinnerung“ bleiben.

Derweil schreitet die Weltuhr, die mit dem Datum unserer Geburt angestoßen wurde, immer weiter fort. Immer deutlicher lässt sie vernehmen, dass der Augenblick sich nähert, wo die Zeitzeugen weggehen. Aber selbst dann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, werden die „Wächter der Erinnerung“ bleiben.

Wir appellieren an diese „ Wächter der Erinnerung“. Es gibt sie in den Reihen junger Europäer, die unser Zeugnis gehört haben, es gibt sie unter den jungen Japanern, die das Museum in Shirakawa besuchen und in den monumentalen Werken polnischer Künstler, ehemaliger Lagerhäftlinge – Józef Szajna, Nummer 18729, und Marian Kołodziej, Nummer 432.

Zu den „Wächtern der Erinnerung“ gehört ein internationaler Zusammenschluss europäischer Schulen mit Sitz in Hannover, die Weltfriedensgemeinschaft mit Berni Glasman und ihren polnischen Mitgliedern Małgorzata Braunek und Andrzej Krajewski, katholische Schulen in Deutschland, die Allianz der Jugend und die Dr. Rath Stiftung, die in Deutschland, in Holland und in den Vereinigten Staaten von Amerika tätig ist, die Internationale Staffel der Brüderschaft in Italien und schließlich über zwei Millionen polnischer Jungen und Mädchen, mit denen ich in etwa 6700 Treffen zusammen kam. Da ist das Programm des Projekts „Auschwitz“, das durch die „Bildungsgesellschaft Auschwitz” ins Leben gerufen wurde und zehntausend europäische Teilnehmer des internationalen Wettbewerbs „Menschen haben dies anderen Menschen angetan”. Und da ist schließlich auch das Museum Auschwitz-Birkenau in Auschwitz, das ewige, unschätzbare Zeugnis dieser Ereignisse.

Wir wenden uns an Euch, die Teilnehmer des heutigen Treffens: Lasst nicht zu, dass diese „Stafette der Erinnerung“ unterbrochen wird. In Erfüllung der Mission von uns „Wächtern der Erinnerung“, beginnt damit, die nächsten Träger des Stabes in dieser Stafette zu finden.    

Dies ist ein Aufruf zur „Stafette des Lebens“!

Dies ist ein Aufruf an die Jugend, die uns heute hört. Ihr seid die letzte Generation, die diese Geschichte direkt von denen erfährt, deren eintätowierte Nummern den Beweis und die Legitimation erbringen, über die Geschichte und die Menschen zu sprechen, über diese Zeit der Vernichtung, und die Wahrheit zu sagen. Auch die Wahrheit über die Welt heute.

Wir rufen auf zu einer Stafette des Gedenkens.

Wir rufen auf zu einer Stafette des Lebens.

Nach einem Europa für die Menschen, durch die Menschen.

Ein Vers:

Einst
wusste ich nicht,
dass mein Platz auf Erden
nicht im Schatten heimatlicher Linden,
nicht in der Wärme der vier Wände,
nicht unter denen, die lachen,
nicht bei jenen, die unterwegs sind
zu Liebe, Hoffnung und Glauben,
die Tempel eigener Wunschträume bauen.
Nicht in einem sicheren Land
mit Schaukelpferden,
mit duftenden Brezeln vom Jahrmarkt
Schließlich habe ich erfahren,
dass mein Platz auf Erden
inmitten einer Dornenkrone,
getragen von den Pfosten des Drahtzauns,
geladen mit Wellen
elektrischen Stroms
(jetzt nicht mehr, aber einst).
Und daher
erfasst mich, wenn ich
wieder diesen stachligen Kreis
betrete, das –
Links ... links ...
Mützen ab ...
Augen rechts ...
Im Lager Auschwitz war ich zwar ...
– Und schließlich das Endgültige:
Ich bin eingetragen,
ich gehöre zu diesem Boden.
Zu diesen Steinen. –
Dann fliehe ich vor
der Magie der SS-Runenzeichen,
vor der Neugier leerer Augenhöhlen.
Doch es bleibt meine ERINNERUNG.
Und ich kehre zurück.
Denn ich gehöre HIERHER,
an diesen Platz
auf Erden.

Und eben von diesem Ort, der zu einer dunklen Wahrheit über die Menschen des 20. Jahrhunderts wurde, schöpfe ich meine Kraft, meinen Glauben daran, dass all das, was uns in diesem gemeinsamen Projekt einer neuen Verfassung vereint, mit allen Kräften gefördert werden muss. In jener Zeit, der Zeit der Asche, des Rauchs, erhoben Menschen ihre Stimmen, die nicht an unserer Seite stehen und dies schon damals nicht taten. Aber es gab auch solche, die unabhängig von ihrer Nationalität, Religion oder ihrer Uniform versuchten, die Menschheit vor der vollständigen Barbarei der Zivilisation zu retten.

Wenn diese Menschen in der damaligen Zeit ihr Leben riskierten, um eine helfende Hand auszustrecken, dann dürfen wir heute uns der Verantwortung für die Umsetzung des sozialen Projektes „Europa für die Menschen” nicht entziehen.

Zum Schluss möchte ich an einige von diesen Menschen erinnern:

Als ich am Morgen das Lager zum Arbeitseinsatz verließ, trug ich in der Regel eine Stofftasche mit mir, die zu jener Zeit als „modisch“ galt; es war die Tragetasche einer Gasmaske aus dem Jahr 1939. Sie gehörte eigentlich dem Kapo Bracht.

An diesem Tag standen im „Kontaktkasten” in der Scheune des Kommandos Bunawerke IG Farben Auschwitz zwei Eimer mit Brot, belegten Broten und Wurststücken. Im Versteck für Arznei waren zwei Kartons mit Kalziumspritzen. In dieser Zeit war dies eine der wenigen Arzneimittel, die bei Tuberkulose verwendet wurden. Diese Spritzen sollten an den polnischen Arzt ins Lagerkrankenhaus geliefert werden. Ich versteckte die Spritzen in der Tasche und nahm die Lebensmittel an mich.

In diesem Moment hörte ich hinter mir eine aggressive Stimme: „Was machst du hier?“ Es war einer von drei SS-Männern, die an diesem Tage bei unserem Kommando Dienst hatten.

„Lebensmittel?“ Er sah den Eimer mit Lebensmitteln.

„Kontakt mit der Zivilbevölkerung!“, rief er triumphal aus.

Das war eines der schwersten Vergehen. Er schrieb meine Nummer auf – meine Rückkehr ins Lager an diesem Tag war alles andere als „normal”.

Wie immer, kam ich zurück in der dritten Hundertschaft.

Am Tor wurde ich verhaftet. Ich wurde aus dem Kommando gezogen.

Fast zweitausend Kollegen gingen an mir vorbei und jeder sah: August ist erwischt worden!

Das Kommando war schon im Lager, als ein SS-Mann das Wachhaus verließ. „Posener”, so nannte ich ihn. Er kam aus Posen, sprach ausgezeichnet Polnisch. Er gehörte zu den eifrigsten „Lebensmittel-Organisatoren” unter den SS-Männern. Deswegen war ich von seiner plötzlichen Brutalität überrascht.

Er stieß mich durchs Tor und gab mir dabei einen Tritt.

Er schrie etwas, was ich nicht verstand.

Hinter der Lagerküche verschwanden wir aus dem Sichtfeld der Wachleute am Tor.

„Ich bring dich in den Bunker!“ Der SS-Mann verlangsamte seinen Schritt. „Was ist los, August?“  

„Ich wurde erwischt!“  

„Und ich sagte doch, pass auf!“

Nicht jeder SS-Mann akzeptierte das „Organisieren”. Wir gingen langsam in Richtung des Todesblocks. Im Keller war der Untergrund-Bunker des Lagers.

„Ist jemand von den Zivilisten gefährdet?“, fragte er noch. „Nein!“ Mit einem völlig gleichgültigen Ton, jedoch mit Betonung der Bedeutung dessen, was er sagt, fragte er:

„Hast du im Block etwas zu erledigen?“ Ich schaute ihn über die Schulter an. Seine Augen starrten auf das Dach des Blocks, an dem wir vorbeigingen.

„Ja, das habe ich! Geh’n wir!“ Er betrat mit mir den Block, ließ mich in die Stube rein und blieb selber im Gang.

Die Kollegen waren vollständig überrascht.

„Lasst meinen Schlafsack verschwinden!“, sagte ich hastig zum Stubenführer. „Verteilt die Zigaretten unter euch, schleust die Medikamente ins Krankenhaus zu Zbyszek.“ Sie wussten, für wen. Ich bekam noch eine Portion Brot zum Abendessen und landete im Korridor. Der Posener führte mich schweigend zu Block 11. Der Blockführer des Elften rief den Funktionshäftling, das war unerwartet mein Freund Hans Musioł, und beide führten mich zum Bunker herunter – Zelle Nr. 20. Ein betonierter Dunkelhaftraum ohne ein Fenster. In der Ecke ein Kübel. Musioł warf noch eine Decke hinein. Sie schlossen die Tür ab und machten das Licht aus. Die Dunkelheit umgab mich. 

Ich erinnere mich an dieses Ereignis mit dem Posener, weil ich erst nach Jahren verstand, dass diese Handlung des Poseners absolut selbstlos war und für ihn mit einem hohen Risiko einherging. Er hätte im Block einen anderen SS-Mann treffen oder einem verdeckten Gestapo-Spitzel begegnen können, denn solche gab es auch unter den Häftlingen. Und das alles im Namen der menschlichen Nächstenliebe, die ihn, einen SS-Mann, mit mir, dem Häftling Nummer 6804, dort auf dem Gelände von Auschwitz gemeinsam handeln ließ – gegen die IG Farben Auschwitz und die Leitung des KZ Auschwitz und in vollem Bewusstsein, dass jede Entscheidung entweder Leben oder Tod bedeutete.

Es schien, dass wir uns für das Leben entschieden hatten. Der Bunker wurde für beide zu etwas Düsterem. Mein Besuch im Gefangenen-Block auf dem Weg zum Bunker war ein Beweis für die Entschlossenheit und den Mut des Poseners. Die Hand, die er mir reichte, war für ihn alles andere als ein ungefährlicher Akt der der Nächstenliebe.

April 1942. Der Frühling war ungewöhnlich warm. Das Kommando Bunawerke IG Farben Auschwitz fuhr zur Arbeit mit dem Zug. Wir stiegen außerhalb der Station aus. Der Gang zur Baustelle dauerte einige Minuten. Die Rückkehr verlief ähnlich.

An diesem Frühlingsabend stand an der Station ein Güterzug mit einer Wehrmachtseinheit, die von der Front zurückkehrte. In den offenen Wagontüren konnte man Soldaten auf dem Boden sitzen sehen. Wir gingen an diesem Frontzug entlang, in Richtung unserer Wagons in einer Entfernung von etwa zwanzig Metern. Aus jedem der Frontzug-Wagons dröhnte es im Rhythmus der zurückliegenden Stationen, und es zeugte davon, dass die Reise schon einige Zeit angedauert haben musste. Man hört Unterhaltung, Lachen, jemand spielt Harmonika. Es scheint, dass sich die Soldaten über unseren Marsch unterhalten. 

Hinter den Soldaten, die in den offenen Wagontüren mit herunterhängenden Beinen sitzen, steht ein Offizier. Offene Uniformjacke, Orden sichtbar, rot-goldene Achselbänder.

Ich sehe den Offizier die Hand zur Stirn erheben und in „Habacht-Stellung“ die vorbeigehenden Häftlinge salutieren.

Unter diesem Eindruck erschien es mir, als ob ich unwillkürlich das Marschieren versucht hätte.

Als meine Hundertschaft den Wagon des Generals schon passiert hatte – wie es schien, war er sogar ein General – schaute ich zurück.

Der Offizier salutierte immer noch vor den Menschen in Gefängniskleidung.

Nichts ist ganz schwarz oder weiß. Der farbige Regenbogen kann zum Beispiel rot-gold wie die Achselbänder des Generals sein – in der Erfahrung der vorbeimarschierenden dunkelgrauen Gefängniskleidung mit der KZ Auschwitz Nummer 6804.

Von der Kellerdecke liefen Wassertropfen langsam an der Wand des Blocks 4 herunter. Sie verbanden sich in dünne Ströme, die sich, je nach Nähe des Fußbodens, beschleunigten.
Block 5, der erste der neu gebauten Blocks, wurde im Dezember eröffnet. Im Keller war ein Raum. Dort lehnten die mit frischem Stroh gefüllten Papiersäcke gegen die Wand und saugten die Feuchtigkeit ein.
Zusammen mit Müller standen mir unter dem kleinen Kellerfenster zwei Meter Betonboden zur Verfügung, auf dem wir jetzt unseren gemeinsamen Strohsack auslegten. Wir trugen ihn wie einen Kartoffelsack. Er war schwer und feucht. Holzschuhe, „Holländer-Schuhe”, in die Hose eingewickelt, dienten als Kopfkissen.
Wir hatten eine Decke für uns beide. Halbsitzend, an die Wand gelehnt, schwiegen wir, weil wir vor Worten Angst hatten, die an diesem ungewöhnlichen Abend verzweifelt an unseren Lippen klebten. Das war der Weihnachtsabend 1941.
Der mit einem Strohsack ausgelegte Raum war mit der Sehnsucht und Verzweiflung derjenigen erfüllt, die sich an jene Weihnachtsabende in der Freiheit erinnerten. In einem Moment schaute ich kurz den Häftling mit dem „grünen Winkel“ an. Er lief an uns vorbei, ging bis zum Ende der Stube und – auf seinem Weg zurück – blieb an unserem Strohsack stehen.

„ Wie heißt du?“ – Er sprach mich auf Deutsch an.

„August.“

„Magst du Kartoffelpuffer?“

Meine Augen drückten sicher Verwunderung aus. Müller lachte.

„Ja, mag ich.“ – Das hörte sich entschieden an, war jedoch irgendwie mit einem gewissen Verdacht behaftet.

Der Deutsche griff unter den Mantel und holte unter seinem Arm eine Feldflasche hervor. 

„Für dich und deine Kollegen! Mit Weihnachtsgrüßen.“

„Ich sehe deine Schuhe nicht“, stellte er plötzlich fest.

„Holzschuhe. Unter dem Kopf.“

„Guten Appetit! Ich komme in ein paar Minuten wieder, um die Feldflasche abzuholen.“

Den letzten Puffer teilte ich mit Müller, als ob es ein Weihnachtsgebäck gewesen wäre. Er dachte an seine Familie in Radom, ich an die meinen in Mielec und Dębica.

Der Spender kam zurück. Er nahm die Feldflasche und legte ein Paar Lederstiefel auf meine Decke.

„August, mögen sie dir dienen und dich sicher und gesund nach Hause tragen.“

Und er ging weg.

Müller schaute ungläubig drein, nachdem der Mann gegangen war. 

„Der Engel mit dem grünem Winkel“, flüsterte er. Das war das einzige Mal, dass ich ihn traf. Ich habe ihn niemals sonst gesehen, weder zuvor noch danach. 

Und der „Engel” war ein Deutscher, ein Krimineller, ein Träger des „grünen Winkels“, der am Weihnachtsabend 1941 kam, mich mit Kartoffelpuffern und Stiefeln beschenkte und wieder wegging. Wahrscheinlich zurück in seinen „Himmel“, den er in seinem Inneren trug.

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