Befreiung zur Gesundheit -
Thesenanschlag für eine neue Medizin
Vortrag von Dr. Rath 25. September 1999, Theaterhotel Almelo
Wie die Tiere - Damals -
Die Unwissenheit dient dem Machterhalt
Auch daß Deine Unwissenheit und Dein Analphabetentum nicht gottgewollt
sind, weißt Du nicht. Die weltlichen und geistlichen Fürsten
werden nicht müde, Dir zu erklären, daß nur dem Einfältigen
das Himmelreich gehöre. Der Gedanke, daß Wissen Macht bedeutet,
ist Dir fremd, und Du hast auch noch nie darüber nachgedacht, daß
Deine Unwissenheit die Voraussetzung für die maßlose Bereicherung
der Machthaber ist.
Dein Leben lang konntest Du weder lesen noch schreiben. Es gibt keine
Schulen und Deine Eltern und weiteren Vorfahren waren allesamt Analphabeten.
Die Kunst des Lesens und Schreibens ist eines der bestgehüteten Geheimnisse
überhaupt. Sie steht den einfachen Menschen nicht zu. Nur eine kleine
auserwählte kirchliche und weltliche Kaste kennt diese Kunst –
dazu gehört auch der Priester im Dorf.
Die einzigen Mitteilungen erhältst Du von anderen Bauern und Tagelöhnern
im Dorf, wohin Du jeden Morgen zur Messe pilgerst. Während der Messe
verstehst Du nichts, denn der Priester spricht eine Stunde lang nur Latein,
die Sprache Gottes, wie er sagt. Der Priester liest aus der Bibel, dem
Wort Gottes, die ebenfalls in lateinischer Sprache geschrieben ist. Auch
das Gebet des Priesters ist in Latein, der einzigen Sprache, so versichert
der Priester, die Gott versteht.
Du selbst, so sagt die Kirche, brauchst gar nicht erst zu versuchen zu
beten, also zu Gott zu reden, denn er versteht sowieso kein Deutsch. Wenn
Du zu Gott reden willst, dann brauchst Du einen Priester, der Latein versteht.
Nur so kann Gott Dein Anliegen überhaupt verstehen. Daher gehst Du
auch mindestens einmal die Woche zur Beichte – eine Audienz bei
Gott mit einem Latein-Dolmetscher.
Wie groß und mächtig Gott ist, erkennst Du daran, daß
die Kirche im Dorf das einzige feste Gebäude ist, das aus Steinen
gebaut ist. Auch die Fenster sind bunt mit Glas, das es nirgendwo in der
Gegend zu finden gibt.
Einmal vor vielen Jahren hast Du eine Pilgerfahrt unternommen zum Kölner
Dom, der damals schon zweihundert Jahre alt war. Du warst vor Ehrfurcht
fast erstarrt. Niemals hättest Du Dir vorstellen können, daß
Gott so mächtig ist, daß er ein solch prächtiges Haus
errichten kann.
An den Bettlern vorbei hattest Du Dir den Weg ins Innere des Kölner
Domes gebahnt und voller Ehrfurcht die gigantische Architektur und goldenen
Statuen bewundert. Dies ist jetzt über zwanzig Jahre her, doch es
gab keinen Tag, an dem nicht die Größe und der Prunk dieses
gewaltigen Gebäudes vor Dir standen.

Der Kölner Dom, erbaut von 1248-1322, war Symbol
mittelalterlicher Macht der römischen Kirche in Deutschland.
Und doch, so weißt Du, ist selbst dieser Dom noch
nicht das größte Haus Gottes. Irgendwo weit weg, hinter den
großen Bergen im Süden, lebt der direkte Vertreter Gottes in
einer Stadt aus Gold und Edelsteinen. Er herrscht über die ganze
Erde und besitzt darüber hinaus den Schlüssel zum Himmel. Die
damalige Kirche sagt Dir: Dieser Mann entscheidet unmittelbar darüber,
ob Du in den Himmel kommst, ins Fegefeuer oder gleich in die Hölle.
Dies zu hinterfragen, traust Du Dich nicht, denn das ist Sünde. Sünder
aber werden an der Himmelspforte abgewiesen und kommen für ewig in
die Hölle.

Ablaßbrief, ausgestellt in Rom am 31. August1492.
Nur der Name des Käufers mußte noch eingefügt werden.
Der Ablaßbrief „versicherte“ dem Käufer den Erlaß
seiner Sünden für den Zeitraum von 100 Tagen.
Der steinige Weg zum Paradies
Eines ist für Dich klar: Wenn das Erdendasein schon
eine Mühsal ist, dann möchtest Du Dich wenigstens auf das himmlische
Paradies freuen und nicht die Hölle im Dieseits und im Jenseits durchleben.
Die begehrten Plätze im Himmel sind käuflich, haben jedoch ihren
Preis.
Immer wieder zieht der Ablaßhändler, ein Gesandter der damaligen
römischen Kirche, durch die Lande und verkündet: „Nur
wenn der Thaler im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“
Neuerdings kann man auch die verstorbenen Vorfahren aus dem Fegefeuer
freikaufen – alles hat eben seinen Preis.

Die Schloßkirche in Wittenberg. Hier schlug
Martin Luther am 31. Oktober 1517
die Thesen gegen den Ablaßhandel an.
Wenn der Ablaßhändler auf dem Dorfplatz seine Ablaßbriefe
verkauft, kommen Dir die Tränen. Wieder einmal weißt Du nicht,
wofür Du den letzten Heller ausgeben sollst, der Dir nach Steuern
und Abgaben noch geblieben ist. Sollst Du damit Essen für Deine Kinder
kaufen oder Dein eigenes Seelenheil oder gar Deine Vorfahren aus dem Fegefeuer
freikaufen.
Ein einfacher Mönch beendet das Mittelalter
Doch dann passiert etwas Unerhörtes. So gewaltig war dieses Ereignis,
daß es das gesamte weltliche und geistliche Kartenhaus aus Falschheit,
Lüge, Volksverdummung und organisiertem Massensterben zum Einsturz
brachte.
So grundlegend war dieses Ereignis, daß es mit einem Schlag das
Mittelalter beendete und den weiteren Verlauf der Geschichte bis heute
beeinflusst.
Am 31. Oktober 1517 schlug der junge Mönch Martin Luther Thesen
an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg. Die Botschaft Luthers
war einfach und klar. Weder der Papst in Rom noch die römische Kirche
besitzten den Schlüssel zum Himmel, und schon gar nicht kann dieser
Schlüssel durch Ablaßhändler verkauft werden. Den Schlüssel
zum Himmel, sagt der junge Mönch, besitzt nur Du selbst – oder
eben nicht.

Am 19. April 1521 widersteht Martin Luther vor dem
Reichstag in Worms der geballten damaligen Macht von
Kaiser und Kurie. Er weigert sich, seine Thesen zu widerrufen
und bringt damit ein Kartenhaus hohler Macht zum Einsturz.
Zwei Wochen nach dem Thesenanschlag ist es noch ruhig. Aber
es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Danach bricht ein Sturmwind der Befreiung
mit voller Wucht über Europa herein. Millionen Menschen erkennen,
daß sie und ihre Vorfahren über Generationen für dumm
verkauft worden waren und lediglich einem Zweck gedient hatten, der maßlosen
Bereicherung der damaligen Kirche sowie ihrer Bistümer.
Der Sturmwind der geistigen Befreiung greift bald auf ganz Europa über
und bringt das bestehende Weltgefüge ins Wanken. Im April 1521, nur
vier Jahre später, wird Luther vor den Reichstag in Worms geladen,
um vor Kaiser und Kurie seine Aussagen zu widerrufen und damit die alte
Weltordnung wieder herzustellen. Luther widerruft nicht und wird daraufhin
von Kaiser und Papst gebannt und als vogelfrei zum Abschuß freigegeben.
Eine der ersten gedruckten Exemplare der Luther-Bibel
in deutscher Umgangssprache. Bibelübersetzungen in die englische,
französische, niederländische und andere Sprachen folgen.
Mit ihrer Hilfe lernen Millionen Menschen in ganz
Europa Lesen und Schreiben.
Doch Luther nützt die Zeit seiner Verbannung. Auf der Wartburg übersetzt
er die Bibel aus dem Lateinischen in die deutsche Umgangssprache. Mit
Hilfe des Buchdrucks werden in wenigen Jahren über 100.000 Exemplare
dieser Volksbibeln gedruckt.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts geht das Analphabetentum
in Europa von 80% auf 20% zurück.
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