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Befreiung zur Gesundheit -
Thesenanschlag für eine neue Medizin

Vortrag von Dr. Rath 25. September 1999, Theaterhotel Almelo

Wie die Tiere - Damals -

Befreiung vom Analphabetentum

Stell Dir vor, Du erwirbst eine solche Bibel. Abends beim Kerzenschein in Deiner Hütte fängst Du an, das Wort Gottes zu lesen. Erst geht es langsam, dann verschlingst Du die Seiten immer rascher.


Farbige Holzschnitte von Lucas Cranach, dem Chronisten
Luthers, in einer gedruckten Bibel. Diese Illustrationen
beschleunigten den Prozess des Lesen- und Schreibenlernens
unter den einfachen Menschen erheblich.

Bilder in Form von farbigen Holzschnitten machen den Text anschaulich und helfen Dir beim Lesen und Verstehen. Du erkennst – ebenso wie Millionen andere Entrechtete – daß Gott sehr wohl deutsch und jede andere Umgangssprache spricht. Du kannst plötzlich mit Gott in Deiner Mundart reden, zu ihm beten und Du weißt, er versteht Dich. Plötzlich wird Dir klar, daß die lateinische Sprache eine Lüge war, mit der die damalige Obrigkeit jahrhundertelang die Menschen der Erde verdummten und in Lebensumständen verknechteten, wie die Tiere. Du erkennst auch, daß all dies nur ein Ziel hatte, die Machterhaltung und die maßlose Bereicherung der damaligen weltlichen und kirchlichen Herrscher.

Mehr noch. Die neuerworbenen Kenntnisse des Lesens und Schreibens kannst Du nicht nur für die Kommunikation nach oben mit Gott nützen. Auch mit Deinen Mitmenschen kannst Du Dich jetzt mit Hilfe von Briefen und geschriebenen Texten über Entfernungen hinweg verständigen. Du nimmst plötzlich am Leben teil. Stell Dir vor, welch ungeahnte Perspektiven sich plötzlich für Dich auftun. Jede Minute Deines Daseins ist jetzt geprägt von dem unbändigen Gefühl der Befreiung von einem jahrhundertealten Joch aus Armut und Unwissenheit.

Die damaligen kirchlichen und weltlichen Machthaber reagieren sofort. Die ersten umgangssprachlichen Bibeln werden von den Landesfürsten verboten. Den Machthabern ist klar: Wissen ist Macht. Und sie sind nicht bereit, dieses Wissen und diese Macht mit ihren Untergebenen zu teilen. Doch Millionen Menschen in Europa fragen nicht länger nach der Zustimmung der Fürsten. Sie nehmen sich das Recht, Lesen und Schreiben zu lernen, und kein Edikt und kein Verbot können diese von der Bevölkerung selbst organisierte Alphabetisierung verhindern. Im Laufe von nur einem Jahrhundert sinkt die Analphabetenrate in Europa von 80% auf 20%. Die geistige Befreiung Europas ist unumkehrbar geworden.


Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen (1486 bis 1525)
unterstützte Luther und das neue Zeitalter auch deshalb,
weil er keine Steuern mehr an Rom zahlen mußte.

Aus historischer Sicht ist die engstirnige Rolle der Fürsten dennoch bemerkenswert. Denn kaum jemand hatte einen größeren Nutzen von der Lossagung von der römischen Vorherrschaft, als die deutschen Fürsten, die hohe Steuern nach Rom zahlen mußten. Die Unterstützung Luthers hätte den deutschen Fürsten Millionen Gulden an Kirchensteuern gespart. Doch nur wenige Fürsten trauten sich, Luther offen zu unterstützen, allen voran Friedrich der Weise von Sachsen.


Die Erfindung des Buchdrucks war die entscheidende
technische Erfindung, ohne die die Befreiung vom
Analphabetentum nicht möglich gewesen wäre.

Doch der entscheidende Durchbruch für Luther waren nicht die Fürsten, es waren Millionen Menschen. Es war aber auch eine Erfindung, die gerade eben gemacht worden war. Johan Gutenberg hatte den Buchdruck erfunden, und fortan mußten Bücher nicht länger durch umständliches Abschreiben kopiert werden, sondern es konnten auf einmal Hunderte, ja sogar Tausende Bücher vervielfältigt werden.

Die Kombination von Luthers Lehre der geistigen Befreiung in Verbindung mit den drucktechnischen Möglichkeiten, diese neue Lehre rasch unter die Menschen zu bringen, brachte den Durchbruch.


Der „Gemeine Kasten“ der Stadt Wittenberg.
Die durch die Abschaffung des Ablaßhandels frei
werdenden Mittel wurden zur Unterstützung der Armen,
Alten und Kranken der Stadt verwandt. Damit war die
erste Sozialkasse der Neuzeit entstanden.

Aber diese Befreiung hatte auch unmittelbare ökonomische Folgen. Die frei gewordenen Ablaßgelder und die eingesparten Abgaben an Bistümer und Klöster konnten endlich dort verwendet werden, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Der „Gemeine Kasten“ der Stadt Wittenberg wurde zum Beispiel dafür verwandt, den Armen und Minderbemittelten zu helfen. Die Gelder, die nun plötzlich für die Entwicklung von Handel und Gewerbe zur Verfügung standen, waren noch um ein Vielfaches größer.


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